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Identity in Genealogy and Heraldry

Introduction to the congress theme by Dr. Rolf Sutter

Internationaler Weltkongress für Heraldik und Genealogie Pro Heraldica Deutsche Forschungsgesellschaft für Heraldik und Genealogie Wappen Herold - Deutsche Heraldische Gesellschaft e.V. Landeshauptstadt Stuttgart

Identität in Genealogie und Heraldik

Der Frage von Identität nachzuspüren ist eine faszinierende und aufregende Unternehmung denn eine Identität zu entwickeln, ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Das Neugeborene hat zunächst keine eigene Identität, es ist noch Teil der Identität seiner Mutter. Mit fortschreitendem Alter, aber bildet jeder Mensch einen Begriff von sich selbst aus, eben die eigene Identität.

Das Identitätsgefüge eines Menschen kennt mehrere einander überlagernde oder ineinander übergehende Schichtungen. Da ist zum einen die individuelle ganz persönliche Identität, die primär vom Geschlecht und den genetisch übertragenen Anlagen geprägt ist: „ich bin eine Frau, ein Mann, ich bin groß, klein, lebhaft oder ruhig.

Über dieser Schicht liegt in der Regel eine zweite, die sich aus dem sozialen Umfeld des Individuums generiert: die der Familie und ihrer Geschichte, und/oder der religiösen Zugehörigkeit, und/oder einer Gruppe, der man sich anschließt.

Die dritte Ebene der Identität ist die der nationalen bzw. ethnischen Zugehörigkeit, die im Idealfall eine Einheit bilden, es aber in der Realität leider nicht immer tun, wie uns die ausgesprochen schmerzlichen Erfahrungen unserer Zeitgeschichte immer wieder vor Augen führen.

Diese dritte Ebene ist vielleicht die interessanteste Schicht von Identität: Warum fühlt sich ein Araber als Araber, Ein Japaner als Japaner, ein Europäer als Europäer?

Der Schweizer Psychoanalytiker C.G. Jung hat im vergangenen Jahrhundert eine faszinierende Theorie entwickelt, die sich auch für das Verständnis von ethnischer oder nationaler Identität nutzen läßt. Jung sagt nämlich, daß jedem Menschen neben dem Bewußten noch zwei Ausprägungen des Unbewußten innewohnen, nämlich das individuelle Unbewußte und das, was er das Kollektive Unbewußte nennt. An diesem Kollektiven Unbewußten hat jeder Mensch Anteil und seine Inhalte speisen sich aus den Urbildern und Prägungen, die die Menschen seines Kulturkreises im Laufe ihrer Geschichte erhielten. Das bedeutet für unsere Frage, daß sich auch die ethnische oder nationale Identität eines Menschen bzw. eines Volkes tiefenpsychologisch zum Teil aus diesem spezifischen Kollektiven Unbewußten seiner Ethnie oder seiner Nation speist, was wiederum das Phänomen, das wir mit dem etwas diffusen Begriff „Volksmentalität“ umschreiben, viel transparenter macht.

Wie Identität wirkt, wie sie sich zu erkennen gibt, läßt sich – hat man einmal Aufmerksamkeit dafür entwickelt – überall um uns herum beobachten. Dabei reicht die Bandbreite der Manifestationen von Identität vom Schaffen mit höchster künstlerischer oder wissenschaftlicher Kreativität auf der einen bis hin zu zur absoluten Zerstörung fremder Identitäten und zum Genozid auf der anderen Seite.

Wir müssen also erkennen, daß Identität in der Lage ist, positive oder negative Potentiale im Menschen zu erschließen, je nach dem mit welchen anderen menschlichen Eigenschaften sie in Verbindung tritt; gerade die jüngste Geschichte hat uns ja gelehrt, welche grauenhaften Wirkungen entstehen, wenn Identität beispielsweise mit religiösem oder politischen Fanatismus eine Verbindung eingeht. Ein Streifzug durch die Weltgeschichte zeigt aber auch durchaus positive Emanationen von Identität. Denken wir nur an die Errungenschaften der Medizin, der Schrift, der Wissenschaften, die die moderne Welt den alten Reichen in Mesopotamien, Ägypten oder auch China verdankt. Hier sind im Kontext früher nationaler Identitäten überaus positive Auswirkungen entstanden, die von Einzelnen für den Kulturkreis erbracht wurden, mit dem sie sich identifizierten.

Untersuchen wir die Wechselwirkungen zwischen Identität und unseren beiden Disziplinen Genealogie und Heraldik, so ergeben sich außerordentlich interessante Beobachtungen. Seit jenem Zeitpunkt der Evolution, da der Hominide begann, ein Bewußtsein seiner Selbst zu entwickeln, das aus einer vorherrschend vegetativen Existenzform heraus und in eine gefühls- und ichbewußte Seinsform hineinführte, und er in Folge dieser sich aufbauenden Bewußtheit begann, sich selbst als Individuum wahrzunehmen und aus diesem Grunde unter anderem auch seine Toten zu bestatten, bildeten sich Bewußtseinsinhalte aus, die über die eigene Existenz hinausgriffen und nach einer Antwort auf die Frage verlangten, gibt es etwas, das vor mir war und etwas, das nach mir sein wird oder anders: woher komme ich und was wird aus mir, wenn ich tot bin?

Auch wenn dieses Fragen zunächst eher diffusen Charakter gehabt haben dürften, gaben sie doch ein latentes Gefühl für die eigene Endlichkeit ab und setzten sich in eine Art Transzendenzbedürfnis um, das zum einen nicht an den Zusammenfall des Endes der biologischen Existenz mit der sich immer stärker entwickelnden Ich-Existenz glauben wollte, zum anderen in die Suche nach Bewältigung der Krise mündete, die sich aus diesem inakzeptablen Zukunftsbild ergibt.

Transzendenzbedürfnis läßt sich also eines der Grundelemente der psychischen Struktur des Menschen beschreiben. Die Entdeckung der eigenen Vorfahren setzt nun das Bewußtsein in Gang, sich selbst als einen Teil in einer unendlichen Kette von Vorgängern und Nachkommen zu begreifen und damit das Gefühl in einem Kontinuum des Lebens zu stehen, das mit einem selbst nicht endet, aber mit einem selbst auch nicht beginnt. Es speist die Erkenntnis, daß Eigenschaften, körperlicher, geistiger und seelischer Art von Vorfahren in einem selbst weiterleben, so wie die eigenen Eigenschaften, Gefühle und Wesensmerkmale sich auf nachwachsenden Generationen übertragen. Damit stellt sich das Gefühl einer Art kleiner persönlicher Unsterblichkeit ein.

Je intensiver sich die Kenntnis von vergangenen Generationen gestaltet, desto mehr wird das Bewußtsein gefördert, einem Kollektiv anzugehören, das ganz bestimmte, als genuin eigen empfundene Merkmale kennzeichnet. Das kollektive Unbewußte, das jeder Mensch in sich trägt wird zu einem Teil aus der Geschichte seiner Familie gespeist und seine Inhalte lassen sich via Identifikationen mit vergangenen Blutsverwandten aktivieren. Hier setzen übrigens auch, die modernen Psychotheorien an.

Solche Erkenntnisse haben nicht nur einen hohen Stellenwert im Bezug auf das Bedürfnis des Menschen, sich über seine materielle Existenz hinauszuprojizieren, sondern auch für die Definition der eigenen Identität. Es ist, um ein Beispiel aus der Praxis zu nennen, immer wieder erstaunlich mitzuerleben, mit welcher Breitwilligkeit nach einer Familienforschung heißgeliebte und sorgsam gepflegte Familienlegenden von Vorfahren, die Raubritter gewesen seien, oder weil sie duellverliebt waren, den Adel ablegen mußten, ad acta gelegt werden, zugunsten von ehrbaren Handwerkern oder hart arbeitenden Tagelöhnern, die aber den unüberbietbaren Vorzug haben, daß ihr Blut auch in den Adern des Probanden fließt.

Mit „Identität“ ist ein Stichwort gegeben, das in unserer Zeit Hochkonjunktur hat. Identität zu finden, zu stärken und zu erweitern ist ein ebenso grundlegendes Bedürfnis des Menschen, wie das nach Unsterblichkeit. In diesem Begriff finden sich sowohl die unbewußte Faszination der Genealogie wie jene der Heraldik

Seit unvordenklichen Zeiten nämlich tritt die Frage der Identität auch in Beziehung zu einem anderen Bedürfnis des Menschen, dem tief eingewurzelten Verlangen nach Zeichen und Symbolen. Schon die prähistorischen Höhlenmalereien im französischen Lascaux oder im südafrikanischen Linton Stone lassen erkennen, daß bereits an der Wiege der Menschheit Zeichen und Symbole standen, die über ihre optische Erscheinung hinaus Botschaften enthielten und Unaussprechliches transportierten. Auch die Fähigkeit, Zeichen für diese Botschaften zu er“finden“ ergibt sich aus den Inhalten des schon oben skizzierten Kollektiven Unbewußten.

Am Beispiel eines höfischen Roman des Mittelalters, dem „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach (um 1200) läßt sich zeigen, daß die sich Wappenbilder, ca. 14 an der Zahl, die dort beschrieben werden, nach den Kriterien „Symbolik des Todes“ und „Symbolik des Lebens“ deckungsgenau den feindlichen bzw. friedlichen Protagonisten des Helden zuordnen lassen. Zufall? Bewußte Inszenierung des Autors? Gleichviel. Hier ist via Identifikation ob auf der bewußten oder der unbewußten Schiene eine Übereinstimmung mit den charakterlichen Merkmalen der Wappenträger und damit Identität von Figur und des von ihre benutzten Symbols hergestellt.

Im selben Maße, wie der Mensch in seine Identität hineinwächst, wird er diese bewußt oder unbewußt auch nach außen zur Schau tragen. Durch ein Kreuz, das er um den Hals trägt, durch ein T-Shirt seines Fußballvereins, durch Gesichts- oder Körperbemalung oder Tätowierungen. Viele dieser Zeichen und Symbole, mit denen sich Menschen umgeben, sind vergänglich und werden immer wieder durch neue ersetzt, andere dagegen haben eine jahrhundertealte und zugleich in die Zukunft weisende Tradition.

Hierher gehören beispielsweise die Stammeszeichen afrikanischer Völker, die Familienembleme der Japaner oder die Familienwappen der Europäer um nur einige Beispiele zu nennen. Alle aber statten ihre Zeichen und Symbole mit den künstlerischen Mitteln und Botschaften aus, die aus ihren jeweiligen familiären, ethnischen und kulturellen Identitäten erwachsen sind.

Die Heraldik bedient sich also einer uralten Symbolsprache, die in den spezifischen Stammessymbolen steinzeitlicher Kulturen ebenso erkennbar wirkt, wie bei den Feldzeichen der alten Kulturen und der Antike. Die Bilder und Zeichen, die in diesen Darstellungen so auch in den Wappen zum Ausdruck kommen, sind Ausprägungen jenes von Jung definierten Kollektiven Unbewußten: Farben, Figuren, Formen und Zeichen sind keine Zufälligkeiten, sondern Visualisierungen der unbewußten Wirkungen von Urbildern.

Das identitätsstiftende gemeinsame Zeichen, zu welchem das Wappen nach und nach wurde, steht also einerseits in einem Kontinuum von Identifikationszeichen, tritt aber andererseits durch seine besondere Entwicklung zum vererblichen Familiensymbol in eine kulturelle und psychologische Sonderrolle ein. In dieser Sonderrolle verbindet sich das, was oben zum Transzendenzbedürfnis gesagt wurde mit der Symbolik des Wappens zu einer Perpetuierung der eigenen nichtmateriellen Existenz. Hier liegt auch eine der Ursachen dafür, warum Familiengeschichte und Familienwappen so eng auf einander bezogen sind: Diese Beziehung ist gleichsam ein Dialog zwischen der Familiengeschichte und ihrer visuellen Manifestation, der besonders für den sinnsuchenden Menschen unserer Zeit die als faszinierend empfundene sinnstiftende Funktion hat.

Dr. Rolf Sutter

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